Über den Mythos, dass ein Stahl schnitthaltig und gleichzeitig leicht zu schärfen sei

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  • Moin.

    Leider wird immer wieder (selbst in entsprechenden Fachgeschäften, die es eigentlich besser wissen müssten) der berühmte Satz verwendet ein Messer sei "sehr schnitthaltig dabei aber gleichzeitig leicht zu schärfen". - Das kann, so pauschal behauptet, aber gar nicht richtig sein.

    Grundsätzlich ist es nämlich so, dass ein Stahl um so schwerer zu schärfen ist, je schnitthaltiger er ist. Im Folgenden erkläre ich, warum das so ist und was das für den Benutzer bedeutet.


    Stahl ist kein Wesen mit einem Bewusstsein. - Er unterscheidet nicht zwischen "ich werde gerade geschärft" und "ich schneide gerade". Beide Vorgänge sind von der Physik her identisch, die Schneide wird an anderen Materialien "gerieben".

    Wie soll also ein Stahl einerseits leicht zu schärfen sein ("es läßt sich leicht Material von der Schneide abscheuern") und andererseits schnitthaltig ("beim Schneiden jedoch scheuert an der Schneide plötzlich nichts mehr ab")? Das widerspricht der Physik und ist schlicht unlogisch.

    Nur weil z.B. ein Opinel nicht sofort stumpf ist, wenn man weiche Materialien wie ein Brot und Wurst damit schneidet ist es noch lange nicht schnitthaltig.

    Grundsätzlich nutzt jeder Stahl auch bei der normalen Benutzung mit der Zeit ab. Wenn er schnitthaltiger ist, dann dauert es eben nur länger. - Und so wird jedes Messer irgendwann stumpf.

    Würde man den modernen, schnitthaltigeren Stahl auf dem selben Schleifstein wie die "alten" Messer schärfen, dann bräuchte man auch entsprechend länger, um ihn wieder scharf zu bekommen, da er ja auch dort, auf dem Schleifstein, weniger schnell abnutzt.

    Aber da es auch verschiedene Schleifmittel gibt, nimmt man für die modernen "Superstähle" dann auch einen modernen Schleifstein wie z. B. den Fällkniven DC4 (ein Kombistein mit einer Diamantschleifplatte fürs Grobe und einer Keramikseite für die Feinarbeit). Der ist deutlich härter/zäher als die herkömmlichen Schleifsteine, wie sie unser Großvater für seine rostenden Messer verwendet hat, so dass das Verhältnis zwischen Stahl und Schleifstein wieder passt. Mit so einem modernen Schleifstein ist auch auch Stahl wie der S90V wieder in normaler Zeit scharf zu bekommen.

    Jetzt kommen wir zur Einschränkung, dem immer vorhandenen "Aber":

    Natürlich gibt es Unterschiede bei den verschiedenen Stahlsorten. So gibt es auch unter den sehr schnitthaltigen Stählen welche, die sich leichter und weniger leicht schärfen lassen. Und auch die Wärmebehandlung des Stahls spielt eine große Rolle. Aber es ist illusorisch anzunehmen, dass ein Stahl der sich so leicht schärfen läßt wie ein "O1" oder ein "1095" annähernd so schnitthaltig sein kann wie ein moderner Stahl, der noch dazu eine sehr gleichmäßige und feine Struktur hat, wenn er pulvermetallurgisch hergestellt wurde.

    Zum Vergleich:
    Die Zeitschrift "Wild und Hund" hat mal Schnitthaltigkeit ganz realistisch getestet. Die haben Wild (so komplett am Stück, wie sie eben nach der Jagd zu liegen kommen) mit Messern zerlegt und geschaut wie viele Tiere sie verarbeiten konnten, bevor das Messer stumpf war und nachgeschärft werden musste.


    Das Ergebnis:

    Wild und Hund schrieb:

    Solinger Standard-Jagdmesserstahl: 2 Stück (Siehe Anmerkung 1)
    440C: 5 Stück
    D2: 7 Stück
    154CM: 6 Stück
    Stellite 6K: 10 Stück
    CPM T440V (neue Bezeichnung CPM S60v): 25 –30 Stück
    CPM 420V (neue Bezeichnung CPM S90v): über 30 Stück
    Anmerkung 1: Bei dem "Solinger Standard-Jagdmesserstahl" dürfte es sich um den 1.4110 handeln, wie er in den üblichen Jagd-Taschenmessern von Puma, Hubertus und Co. lange Zeit benutzt wurde und auch heute noch benutzt wird. Es handelt sich dabei um den selben Stahl wie bei den Schweizer Offiziersmessern. Ein anderer Name für diesen Stahl ist "440A".



    Gruß
    NordWicht
    Der Mensch muss wieder lernen, dass die Natur unsere natürliche Umgebung ist und kein fremder Planet, den man nur mit einem Raumanzug betreten kann.

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